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von Corinne Schatz
Gerüstelemente, Armierungseisen, Winkelschienen, Lattenhalter und vieles mehr an
Metallgerät, das auf dem Bau gebraucht wird, lagert in der Halle. Gestapelt, gebündelt,
aufgereiht, eine Ordnung beinahe wie man sie in den Lagern der Firmen findet, die das
Material zur Verfügung stellten. Unverkennbar jedoch durchdringt diese Ordnung ein
Gestaltungswille, der klare äussere Formen sucht. Gestapelte und eingepackte Gerüststangen
bilden einen Kubus, Aluformen stehen wie Stelen oder Säulen im Raum, Schienen und Stäbe
rhythmisieren die Wand, scheinbar durcheinander Gestelltes ordnet sich ein in ein strenges,
rechteckiges Feld. Zwei Monate lang arbeitete Lucie Schenker in der Halle, zog zunächst
mit der Kamera auf Entdeckungsreisen durch die Lager der Baufirma Stutz AG und der
Eisenwarenhandlung Debrunner AG, liess sich von den gebrauchten oder neuen
Materialansammlungen zu den Skulpturen inspirieren, die nun hier für einige Wochen
versammelt sind. Sie folgt den technischen und formalen Möglichkeiten der Materialien,
benötigt keine Hilfskonstruktionen, die nicht auch in, der Industrie üblich sind, wie z.B.
die Drähte, mit denen Gitter zusammengeknüpft werden. Hier und da taucht neben der
vielfältigen Patina aus Oxidation und Gebrauch ein Hauch von Farbe auf. Sei es in den als
Kontrapunkt dazwischen gestellten Gewebearbeiten, sei es in der Farbe oder den Reflexionen
von Plastikhüllen, oder als Korrespondenz zu den Säulensockeln im Innern der begehbaren
Gitterskulptur.
So ungewohnt die Ausstellung im ersten Moment erscheinen mag, so konsequent fügt sie sich
doch in das bisherige Schaffen von Lucie Schenker. Direkte Verbindungen finden sich zur
Arbeit «Denk Mal» für die Grauholz Ausstellung in Bern 1998, wo sie eine monumentale
Gedenksäule mit einem begehbaren Gerüst und halbtransparentem Baunetz umhüllte, sodass
zugleich ein Kubus als geschlossene Form wie auch dessen Innenleben sichtbar wurde. Im
vergangenen Jahr während ihres Romaufenthaltes entstanden mehrere Fotoserien zu eingerüsteten
Gebäuden. und Baustellen, die ihr auf ihren Stadtwanderungen wie Skulpturen begegneten.
Die Leichtigkeit und Transparenz, die Lucie Schenkers Arbeiten aus Metallgewebe prägen,
durchdringen auch die grossen, aus schwerstem Industriematerial gestalteten Skulpturen.
Unverkennbar ist die Präsenz der Themen, die seit langem ihr Schaffen prägen: Es sind die
Wechselspiele zwischen Aussen und Innen, zwischen Körperlichkeit und linearer Struktur,
zwischen Masse und Transparenz, Fülle und Leere, zwischen Geometrie und Chaos.
Die Ausstellung ist geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit den spezifischen
Möglichkeiten der Materialien und folgt dem Ziel, deren besonderen Charakter, aber auch
überraschende Seiten sichtbar zu machen. «lrritation» nennt Lucie Schenker ihre Ausstellung.
«Irritation», lateinisch Reizung, hier vielleicht auch Überraschung, Verwirrung, stellt
sich ein in der Erfahrung des schwebenden Gleichgewichts zwischen den gegensätzlichen
Wirkungen des Materials und den skulpturalen Formen und transparenten Strukturen.
Corinne Schatz, Chur und St.Gallen
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