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aktuelle Ausstellung

Chantal Michel

 


Martin Preisser, Tagblatt Ausgabe Thurgau 

Porsche, Gugelhupf und Negligé 

Warum wird wertlos Gewordenes wertvoll? Weil es der Besitzer mit Erinnerung, mit Emotion auflädt, es sozusagen im intimen Rahmen museal macht. Warum nehmen sich solche Dinge in einer Fabrikhalle plötzlich interessant aus? Weil sie eine Künstlerin neu auslegt. Das Bekannte wird in neuem Kontext fremd und geheimnisvoll. Chantal Michel, die sich als Künstlerin bisher vor allem selbst inszenierte, lässt zum Start der neuen Kunsthalle-Saison Requisiten selbst sprechen.

Aus Gegenständen, die die Bevölkerung Michel zur Verfügung gestellt hat, hat diese eine irritierende Wohnlandschaft entworfen. Liebevolle Details, die in neuem Zusammenhang bisweilen grotesk wirken, verbinden sich zu einer Kunst-Landschaft, zu etwas Schein-Musealem, das nachdenken lässt über Wohnen, über die Aufladung der eigenen vier Wände mit Erinnerungen, Träumen, Wünschen, festgemacht an Altem, Liebgewonnenem. Das dazu anregt, über Wahrnehmung nachzudenken.

Chantal Michel hat sich auf ein mutiges Unterfangen eingelassen. Sie hat mit mehr Gegenständen gerechnet. «Die, die kamen, sind aber von Herzen gekommen.» Der alte Porsche, der nie gegessene Gugelhupf als Erinnerung an die erste Freundin, im hintersten Winkel versteckt Negligé: Chantal Michel habe eine Affinität zum Entledigten, sagt die Kunsthistorikerin Dorothee Messmer. Und verweist auf das nur scheinbar Abgelegte. Neubelebtes sei es, weil es lieb gewonnen wurde. Michel belässt es nicht bei der blossen Installation. Sie hat auf Video die Menschen befragt. Und durch die Geschichten hinter den Gegenständen wird deren Wert erfahrbar, bekommen sie «Aura, die unscheinbare Dinge zu einzigartigen Objekten macht», wie es Dorothee Messmer treffend beschreibt. «Ich wollte etwas mit Menschen machen, mit ihnen ausserhalb der engen Kunstkreise in Dialog treten», sagt Chantal Michel. Und das hat sie geschafft. Mit der Aktion hat sie Menschen in eine Halle für zeitgenössische Kunst gebracht, die sich hier noch nie hineinwagten. «Es war ein Experiment. Ich wusste ja nicht, womit ich die Halle füllen würde, wie das Ganze letztendlich herauskommen würde.»

Zu Videos und Objekten fügt Michel eine dritte Ebene: Texte aus einem Ratgeber von 1960 für junge Ehepaare. «Bilder gehören nur ins Schlafzimmer, wenn sie dort einen Sinn haben», heisst es da etwa. Oder: «Für das kleine Puppige empfinden die meisten Frauen eine leicht entzückte Zuneigung.» Das traute Heim mit Ledersofa oder Gartenzwerg, ein bisschen Zigeuner sein im Wohnwagen: Die bewusst reflektierte, aber auch luftig-leichte Inszenierung erfährt durch diese Texte Brüche. Auf die mit so viel Harmonie aufgeladenen Gegenständen wird ein absurder Blick geworfen. Die Dinge an sich sind bedeutungslos. Die Bedeutung produzieren wir. Darum geht es witzig, sinnlich, frech, aber auch nachdenklich in der Kunsthalle.


Dieter Langhart, Thurgauerzeitung

Am Anfang war der Alltag

Mit den «Zehn Boten» war Chantal Michel vor einem Jahr im Kunstmuseum des Kantons Thurgau zu Gast, hat sich selbst maskenhaft inszeniert, hat wie in früheren Arbeiten ihren eigenen Körper benutzt, um sich mit unsern Vorstellungen, Sehnsüchten, Wünschen auseinander zu setzen. Das Verspielte, Ironische ist geblieben in Arbon, doch diesmal hat sie ihre eigene Person aus dem Blickfeld gerückt, hat Menschen aus der Region aufgefordert, ihnen lieb gewordene Gegenstände für eine Ausstellung auszuleihen. Jetzt liegen oder hängen sie da, die alten Röhrenradios und Lampenschirme, die zerschlissenen Sofas und gestickten Hüte. Nur scheinbar wahllos drapiert scheinen die Gegenstände von der WC-Papierrolle bis zum Porsche. Die Requisiten aus dem Leben anderer hat die Künstlerin zu einer «recyclierten Wohnlandschaft» arrangiert, wie Dorothee Messmer vom Thurgauer Kunstmuseum an der Vernissage ausführte.

Oder ist es das grosszügige Lager eines Trödelladens? Sogleich beginnt die Besucherin, der Besucher, sich eine Geschichte auszudenken hinter jedem Gegenstand, sich den Menschen vorzustellen, dem er so wichtig (aber nicht zu kostbar) ist, dass er ihn in die Kunsthalle ausgeliehen hat. Und verblüffend sei gewesen, so Andrea Gerster von der Kunsthalle, wie viele Menschen zum ersten Mal ihren Fuss in eine Kunsthalle gesetzt hätten. Die Dinge in Arbon seien «mit Intimem behaftet, mit Privatem», sagte Dorothee Messmer. Ein Video lässt die Requisiteure über ihre Objekte sprechen. «So erfahren wir die individuellen Geschichten dieser Dinge und hören Erstaunliches: Von einem Damenkleid, das, obwohl vor dem Kauf heiss begehrt, letztlich nie getragen wurde und immer noch auf ihre Trägerin wartet; von einer Lampe, die liebevoll gepflegt, viele Wohnungstausche überstanden hat; von einem Kuchen, der bis heute überlebt hat, weil er ein Geschenk der ersten Freundin war.» Die aus ihrem Zusammenhang gerissenen und mit Texten aus einem Ratgeber für schönes Wohnen aus den 60er-Jahren ironisch gebrochenen Gegenstände werden überhöht, erhalten einen fast musealen Wert. Ohnehin: Alte Sachen wirken bald wie Ausstellungsstücke, denn sie steigern ihren Wert beim Wechsel «vom Vergänglichen ins Dauerhafte».

Ursula Badrutt, St. Galler Tagblatt

Vertraute fremde Dinge

Die Faszination Brockenhaus prägt das Schaffen der Berner Künstlerin Chantal Michel. Bis anhin waren es vor allem Inszenierungen der eigenen Person in unterschiedlichem Ambiente und entsprechender, sorgfältig ausgewählter Kleidung, mit denen die Berner Künstlerin von sich Reden machte. Spielerisch und in den grossen Fussstapfen von Cindy Shearman formulierte sie spannungsvolle Zustände (weiblicher) Befindlichkeiten zwischen Wunsch und Wirklichkeit - angereichert vom Unheimlichen und Verhängnisvollen.

In der Kunsthalle Arbon nun zeigt sie sich mehr als Drahtzieherin und Regisseurin mit volkskundlichem Interesse. Akteurinnen und Akteure sind die Leute der Region, die auf ihren Aufruf hin für die Zeit der Ausstellung einen Lieblingsgegenstand in die grosse Halle gebracht haben. In lockerer Aufstellung präsentieren sie Radiomöbel, Hasenköpfe, Puppen-, Matchbox- und Wohnwagen, Gemsgeweih und Spinnrad als Sammelsurium von Gegenständen, denen das Bedürfnis nach Schönheit und Harmonie im Haushalt gemeinsam ist, die sonst aber ziemlich beliebig wirken. Der Schlüssel zu den Objekten versteckt sich in den persönlichen Geschichten, die die Leihgeber vor laufender Kamera der Künstlerin erzählt haben und die jetzt auf dem roten Sofa - ein Trennungsrelikt, wie wir darauf sitzend uns sagen lassen - gehört werden können. «Von den Dingen fürs Leben und anderen schönen Sachen» legt mit ethnologischem Fingerspitzengefühl Sitten und Sehnsüchte in Heim und Hobby offen, lässt viel Zwischenmenschliches einfliessen und kehrt Befremdliches in vertraute Welten.