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Thurgauer Zeitung vom Mittwoch, 18. Juni 2003, Ressort Kultur
Angesammelt, zerstreut
Zwei Künstler, zwei unterschiedliche Installationen, ein gemeinsamer Titel,
eine gemeinsame Aktion:
André Büchi und Daniel Manser stellen in der Kunsthalle Arbon aus.
Andrea Gerster
Arbon - Sein Thema ist der Kern. Seit früher Kindheit ist Daniel Manser
(40), in St. Gallen lebender Künstler, von Kernen fasziniert. Sein Bestreben
ist, so formuliert er selber, in seinen Arbeiten auf den Kern zu kommen. Sei
es, indem er Kerne zeichnet oder sie als Objekte mit unterschiedlichen
Materialien umsetzt.
Die aktuelle Arbeit in der Kunsthalle weicht auf den ersten Blick von
diesem, seinem ursprünglichen Thema deutlich ab. 720 Objekte hat er
realisiert und auf einer rund 20 auf 3 Meter messenden Fläche in Reih und
Glied aufgestellt. Nicht von ungefähr mögen Assoziationen aufkommen:
Zinnsoldaten oder gar Soldatenfriedhof fallen spontan ein. Die Objekte
stehen auf einer bemalten Holzplatte, die leicht abgesetzt vom Boden ist.
Die Farbe, ein Olivbraun, wirkt einerseits diskret, trägt aber dennoch einen
guten Teil zur Wirkung des Ganzen bei. Das Objektfeld selbst ist grob in
drei Teile unterteilt. Die einzelnen Objekte sind im Gussverfahren
hergestellt worden. Das Material: Gips, Zement und Pigmente.
Da ist das Gebinde für Öl, Ölkannen, die in die Höhe ragen. Ganz flach
hingegen sind die nachempfundenen Kekse-Verpackungen. Wieder in die Höhe
ragen angeschnittenen Brote: Der Sonntagszopf, die Brötchen. Durch die
unterschiedlichen Höhen entsteht eine Wellenbewegung im sonst ruhig
wirkenden Feld. Die Objekte verlieren auf Distanz an Form, sie werden
unwichtig: Es dominieren die durch die strenge Anordnung entstandenen
geometrischen Linien. Das Objektfeld wird dabei zum Sehfeld. Was ist mit dem
Thema Kern? «Sonnenblumen- oder Erdnussöl», verweist Daniel Manser auf die
Ölkannen. Auch fürs Brot brauchts Kerne, das weiss der gelernte Konditor/Confiseur,
und bei den Keksen hat er die so genannte Kernverpackung gewählt.
Scheinbar zufällig
Während Daniel Manser die Horizontale bespielt hat, nimmt sich sein
Künstlerkollege André Büchi (41), ebenfalls in St. Gallen lebend und
arbeitend, der Vertikalen an. In ungefähr demselben Ausmass an Fläche. Er
hat im rechten Drittel der Kunsthalle eine Mauer aufgezogen, Schachteln in
völlig unterschiedlichen Dimensionen aufgeschichtet, 20 Meter lang und 3
Meter hoch. Scheinbar zufällig aufeinander gelegt, sind immer wieder
Zwischenräume auszumachen, die nicht zwangsläufig Stabilität versprechen.
Diese Leerräume schliessen sich auf Distanz - es könnte ein Bild entstehen
-, doch da sind die Grenzen des Raums, der Kunsthalle. Die Schachteln sind
Verpackungsmaterial mit den ästhetischen Logos und Schriftzügen, mit
bebilderten Gebrauchsanweisungen - von der Teesorte bis zum Waschmittel, von
der Stereoanlage bis zum Staubsauger. Die «schöne» Fläche immer den
Betrachtenden zugewandt, als wäre da ein Sponsor, der dies erwartete. Der
Wall aus Kartonschachteln verändert die Kunsthalle, teilt sie, ohne sie zu
verkleinern.
André Büchi arbeitet oft installativ: Eine Mauer aus Lebenssteinen mit
unterschiedlichen Füllungen, 140 Regenschirme, die im Boden verankert sind,
ein Einkaufsplastiksack-Würfel. In seiner Malerei fallen zum einen die
quadratischen Formen auf und wiederum bei den Motiven der Griff in den
Alltag: Logos, Schriftzüge, Piktogramme. Die Installationen von Daniel
Manser und André Büchi sind unabhängig voneinander entstanden.
Ausstellung: Bis 19. Juli; Mi/Fr 17-19, Sa/So 14-17 Uhr; Besuchern wird ein
Objekt «Zerstreuung» der beiden Künstler abgegeben.Matinee: 29. Juni, 11
Uhr, mit Roland Inauen, Konservator Museum Appenzell.
St. Galler Tagblatt, Mittwoch, 7.Mai
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