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St. Galler Tagblatt, Mittwoch, 7.Mai

Das Geheimnis der Gucklöcher

Jubiläumsausstellung «Fokus» in der Kunsthalle Arbon bis 31. Mai

Arbon. 39 Künstler zeigen Originelles und Überraschendes. Dem Publikum wird nur durch ein Guckloch Einblick gewährt. Die Jubiläumsausstellung «Fokus» der Kunsthalle Arbon dauert bis zum 31. Mai.

von Andrea Gerster

Manche reden von Boxen, andere nennen sie Zelle, Spinde oder Umkleidekabinen. Gemeint sind die 39 Räume in der Kunsthalle Arbon, mannshohe Kartonboxen mit einem Guckloch.

Stützlisex, Peepshow oder Voyeurismus könnte einem dazu einfallen. Der ungehörige Blick durchs Schlüsselloch ebenso wie der Kontrollblick durch den Spion, ehe man einem Besucher die Haustüre öffnet. Nur, dass es in der Kunsthalle Arbon nichts zu öffnen gibt. Was gewährt wird, ist einzig ein Einblick. «Ein Auge riskieren», äusserte Markus Landert, Kurator und Leiter des Thurgauer Kunstmuseums am Samstag anlässlich der Vernissage von «Fokus», der Jubiläumsausstellung der Kunsthalle Arbon, dazu.

Auflösende Bilder

Das Risiko allerdings ist ein Geringes. Es entsteht allenfalls in der Phantasie, äussert sich in Emotionen. Einem Erschrecken beispielsweise bei Gilgi Guggenheims «Wurfmaschine», wenn die Tennisbälle mit lautem Knall an die Kartonwand geschmettert werden; so nahe beim Auge. «Des Hasen Tod», die Videoinstallation von Max Bottini, gehört ebenso in den Bereich des Erschreckens oder Schreckens wie Spallo Kolbs Stahlröhre, die sich aus dem Guckloch schiebt. Überraschendes auch bei David Bürklers, der dem Publikum unerwartet einen Spiegel vorhält, oder bei Peter Kamm mit «Barbar». Elisabeth Nembrinis Bilder (DVD) lösen sich vor den Augen des Betrachters ins Nichts auf. Nicht nur Schauen ist bei Lucie Schenker angesagt. Mit ihrem Beitrag «Levante Ponente» fordert sie zum Mittun und Verändern auf. Die Wollmäuse von Esther van der Bie führen einen Tanz auf. Roman Candio geht das Thema Erotik mit 60 Mini-Akten an. Werner Ignaz Jans gewährt einen Blick in die Vergangenheit: Seine Mutter als Kind und als Greisin. Mit Joa-chim Schwitzlers Beitrag «univeral-soildier.com/us-army/ira-qi-freedom» wird die Gegenwart aktuell inszeniert.

Kritische Kunstschaffende

Insgesamt 39 Kunstschaffende, die alle in den vergangenen zehn Jahren in der Kunsthalle Arbon ausgestellt haben, haben die Einladung angenommen, sich auf wenig Raum mit begrenztem Zugang einschränken zu lassen. «Nicht immer ohne Murren», sagt Inge Abegglen, Präsidentin des Vereins Kunsthalle Arbon. Ausserordentlich gerade auch deshalb, weil die Kunsthalle Arbon, eine ehemalige Industriehalle mit rund 600 Quadratmetern Fläche und dem unebenen Boden eine ganz besondere Herausforderung darstellt. Sie zieht somit eher unkonventionelle Kunstschaffende, die experimentell, installativ oder eben grossformatig arbeiten, an. Eben diese Kunstschaffenden sind zum zweiten Mal zur künstlerischen Auseinandersetzung mit umgekehrten Vorzeichen eingeladen worden. Die Kartonboxen sind in zwei lange Reihen aufgestellt, wirken daher uniform und angepasst. Ihr Innenleben allerdings erschliesst farbige Welten und ist so individuell wie die Kunstschaffenden, die sie erschaffen haben.

Geheimnis gelüftet

Keine leichte Aufgabe ist es für den Fotografen Hans Scherrer aus Rorschach. Hatte er doch die Aufgabe übernommen, das Geheimnis der 39 Kartonboxen zu lüften und deren Inhalte in der Publikation «Fokus» fotografisch festzuhalten und damit öffentlich zu machen. Dies ist ihm gelungen, und die rund 100 Seiten umfassende Dokumentation wird am 31. Mai anlässlich der Finissage der Jubiläumsausstellung um 14 Uhr aufgelegt. Die Künstlerinnen und Künstler stellen sich und ihr Werk darin mit einem knappen Textbeitrag vor. «So unterschiedlich wie die Künstlerinnen und Künstler genauso individuell präsentieren sich die Fotografien», sagt Noldi Vonwiller, der für die visuelle Gestaltung und die Koordination der Textbeiträge verantwortlich ist. Die Dokumentation erscheint in einer Auflage von 500 Stück und kann ab 31. Mai bei der Kunsthalle Arbon, Postfach 122, 9320 Arbon, oder per Mail (info@kunsthallearbon.ch) für 12 Franken bezogen werden. Die Ausstellung «Fokus» dauert bis 31. Mai. Die Kunsthalle Arbon an der Grabenstrasse 6 ist Mittwoch und Freitag von 17 bis 19 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Die Ausstellenden:

Max Bottini, Uesslingen; Daniel Braeg, Ravensburg; Kurt Schmid, Kreuzlingen; Peter Somm, Herrenschwanden; Hubert Kaltenmark, Langenargen; Bruno Kurz, Karlsruhe; Werner Ignaz Jans, Neftenbach; Bendicht Fivian, Winterthur; Christoph Hauri, Langenthal; Peter Schneebeli, Zürich; Roman Candio, Solothurn; Schang Hutter, Huttwil; Christina Fessler, Zürich; Urs Hanselmann, Solothurn; Evelyne Ammann, Ermatingen; André Büchi, St. Gallen; Urs Graf, Kreuzlingen; Leo Holenstein, St. Gallen; Ursus A. Winiger, Rapperswil; Elisabeth Nembrini, St. Gallen; Hans Thomann, St. Gallen; Willi Keller, Marbach; Ede Mayer, Konstanz; Conrad Steiner, Berg; Klaus Schmetz, Aachen; Peter Stäheli, Neukirch; Bruno Steiger, St. Gallen; Gilgi Guggenheim, St. Gallen; Joachim Schwitzler, Konstanz; Othmar Eder, Stettfurt; Lucie Schenker, St. Gallen; David Bürkler, St. Gallen; Sep Müller, St. Gallen; Peter Köhl, Zürich; Jörg Köppl, Zürich, Esther van der Bie, Bern; Peter Kamm, St. Gallen; Peter Zacek, Biel; Spallo Kolb, Widnau. (ger)