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Fivian

Bendicht Fivian
 


Bendicht Fivian ist Maler und Konstrukteur.

Christoph Vögele

zur Ausstellung erschien eine Publikation

Seine Wagen, Windrotoren und Pendel, auf dem Blatt skizziert, in Modellen erprobt, immer häufiger auch als Kunst am Bau" ausgeführt, nennt er Konstruktionen. Das Zusammen-Bauen und Zum-Laufen-Bringen ist wesentlich für seine dreidimensionalen Erfindungen ebenso wie für seine zwei dimensionalen Bildfindungen. Was uns zum Schauen bringt und am Schauen hält, ist die fortgesetzte Bewegung. Dies scheint bei Apparaten, die pendeln und wippen, fahren und drehen, leichter verständlich als bei Bildern, auf denen "nichts läuft. Wer sich indes geduldet, mit dem begrifflichen Zugreifen wartet, um beim Schauen zu bleiben, wird auch in Fivians Malerei, ungemein kraftvoll und unmittelbar, Bewegung erleben. Seine eigenartigen Bilder toter Gegenstände strafen die Gattungsbegriffe „Stilleben und Nature morte Lügen, seine "Gegenstandsversammlungen feiern mit der Sinnlichkeit von Farben und Tönen das Leben: Bendicht Fivian ist ein leidenschaftlicher Maler; lebendig ist sein Malen, malend fühlt er sich lebendig. Das richtige Zusammenbauen, das spezifische Einschätzen der Einzelteile, ihres Gewichtes, ihrer Kompatibilität, entscheidet über das Funktionieren von Fivians Bildern und Konstruktionen. Während wir hier mathematische und physikalische Überlegungen als sichere Grundlagen annehmen, erwarten wir dort die Intuition als massgebend. Aber auch bei den Apparaten ist vorerst wenig sicher; Erfindungen wollen gefunden werden, mit Gespür und Spürsinn. Zur schliesslichen Realisation seiner Tüfteleien wendet sich Fivian an Ingenieure und Handwerker. Ihre kollegiale Mithilfe ist für den Künstler ebenso notwendig wie motivierend. Auge und Hand sind bei Fivians Schaffen in unterschiedlicher Weise aufeinander bezogen: Bei den Konstruktionen folgt das Sehen dem (konstruierenden) Handeln, bei seiner Malerei das (malende) Handeln dem Sehen. Nie würde es Fivian einfallen, für seine Bilder ein ganz bestimmtes Arrangement zu treffen, an seinen Fundus von ausgewählten, teilweise auch eigens hergestellten Dingen, die seit Jahren auf seinem Atelierboden stehen, Hand anzulegen; im Wechsel der Perspektiven zeigt sich das "Gleiche'" ohnehin immer neu. Das schliessliche Finden des bildwürdigen Bildes kommt als Zu-Fall, als glückliches Geschenk für die Bereitschaft (des Erfinders), mit offenen Sinnen aufzunehmen.

Es ist aufschlussreich, Fivian beim Erarbeiten seiner vielteiligen Gegenstandsversammlungen zuzuschauen. Den riesigen Formaten liegen Konstruktions-Zeichnungen zugrunde, auf denen Fivian die Gegenstände so knapp und klar wie möglich erfasst, die Dinge weniger aus sich selbst als durch die sie verbindenden Zwischenräume definiert ganz so, wie sich ein Konstrukteur für das Ineinandergreifen und Zusammenspielen der Einzelteile interessiert. Solches Bild-Bauen ist zwingend an ein abstraktes Sehen gebunden, mit dem rhythmische Abläufe, formale Spannungen und Verzahnungen erkannt werden. Zu Fivians bevorzugten Bildmotiven gehören nota bene Tierskelette, (Knochen-) Apparate, von denen er fasziniert auf die jeweilige Lebens- und Bewegungsweise der Tiere zurück schliesst. Wenn sich Fivian zeichnend und konstruierend für „Apparate" interessiert, so ihrer potentiellen Bewegung wegen. Als Zeichner schafft er Konstruktionen, als Maler setzt er sie in Bewegung, mit Farben und Tönen. Am Pinselstrich, einmal heftiger, einmal sanfter, zeigen sich Tempo und Temperament, Bewegung als (umfassendes) Bewegt-Sein. Sogartig ziehen uns Fivians Gemälde an und behalten ihre Kraft auch bei langer Betrachtung. Mit allem Nachdruck vertritt Fivian eine Malerei des sinnlichen Erlebens, die ihren Zweck nicht im Lehren, sondern im Zeigen sieht, ihre Bilder nicht gelesen, sondern erlebt wissen möchte. Das Hinführen zum konzentrierten Erleben fernab aller Zerstreuungen der Erlebnisgesellschaft" kann als Zentrum von Fivians Schaffen erkannt werden. Wenn er uns seine gemalten Dinge in ihrem wahren Massstab, zuweilen gar noch grösser vor Augen führt, wenn er ihre Präsenz mit der Gewichtung von Licht und Raum erhöht, so konfrontiert er uns mit ihrem lebendigen andauernden Dasein. Oftmals erleben wir Fivians gemalte Gegenstände wie Gesprächspartner, im persönlichen Vis-a- Vis stehen wir ihnen gegenüber.

Erst hier, nach der Betrachtung formaler Aspekte, darf auch die Rede von Inhalten sein. Denn Fivians Meinung über Gedankenmalerei ist entschieden: Ich hasse gemalte 'Philosophie'. Kunst ist gedankenlos. Nun ist Fivians Kunst alles andere als geistlose l'art pour l'art. Auch wenn er seinen Traum einer engagierten aufklärerischen Kunst ausgeträumt hat, setzt er weiterhin auf Bewegung. Wenn er Gegenstände und Gegenstandsversammlungen" malt, so nimmt er nur scheinbar Abstand von Mensch und Gesellschaft. Als handelnder Maler ist er auf seinen Werken allerorten spürbar da gibt es keine illusionistischen Tricks, kein Glätten und Bändigen, seine Bilder holen uns herein, seine Dinge wollen den Dialog. Letztlich spricht alles dafür, dass Fivians Bilder, aber auch seine Apparate, das (Zusammen-) Leben und Funktionieren schlechthin betreffen. Seine Inhalte sind wie die Formen auf das Wesentliche beschränkt: Daseins-Fragen, der Lauf des Lebens. Ernstes begegnet Anrührigern und Komischem; wer seinen Apparaten zusieht, seinem "Crawler", seinem Kurbel paar, wird unvermutet an Menschen denken müssen.

Wie Fivian seinen Bildern mit Komposition, Licht und Farbe ihren spezifischen Ausdruck und Sinn verleiht (ohne dabei auf die tradierte Stilleben-Metaphorik zurückzugreifen), lässt sich an der Gegenüberstellung der beiden farbig reproduzierten Werke des Kataloges exemplarisch zeigen: Kugel, Muschel, Kuscheitier" basiert auf dem Grundton Blau; Handschuh mit Wasserglas auf dem Grundton Gelb. Der Farbton kann (musikalisch gesprochen) als Tonart verstanden werden; die an den Bildträndern sichtbare Grundierung fungiert gleichsam als Vorzeichen. Mit dem Grundton ist ein bestimmtes Klima gegeben, dem die Konstellation der Gegenstände, die Pinselschrift, die Farbigkeit der Elemente und die Lichtführung entsprechen: Während Fivian auf den blauen Grundton eine schwere dunkle Bowling-Kugel setzt, lässt er den gelben Grundton in einem leichten Gummihandschuh hervorleuchten. Der hingeworfene Handschuh, das Wasserglas (in dem früher noch Blumen standen) signalisieren Absenz. Die Stimmung des Zurückbleibens geht einher mit dem Empfinden von Stille und Melancholie; in der Wärme des Kolorits und der Weichheit des Auftrags finden sie ihren Ausdruck. Das Bild Kugel, Muschel, Kuscheltier dagegen ist bewegter (im Duktus) und lauter (als wäre das Rauschen in der Muschel zu hören). Ein Fenster zeichnet sich als Schattenbild auf dem Boden ab, verspricht Entgrenzung, Welt. Zwar bleiben wir wie ehedem im Raum zurück, aber nicht still und melancholisch, sondern mit dem Drang nach aussen. Wer mag, kann das Kuscheltier im gestreiften Gefängnis-Anzug als ironisch-liebevolle Anspielung auf Caspar David Friedrichs Rückenfiguren verstehen, die sich in die Feme sehnen. Assoziationen sind erlaubt. Bei Bendicht Fivian, dem Maler und Konstrukteur, hat vieles Platz, und viel hat er zu geben. Allem zugrunde liegt eine Lebens- und Menschennähe, wie sie seine Dinge auf den ersten Blick nicht verraten. Wer Augen hat zu sehen... !