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Von Identität und Nichtidentität
Gedanken zum Werk von Cristina Fessler
Von Laura Arici
zur Ausstellung erschien eine Publikation
Wenn Cristina Fessler in den Displacements ihre Leinwände gleich Tierhäuten aufspannt
und so eine Verlagerung von der horizontalen Lage in die vertikale vornimmt, stellt sie
unmissverständlich die Frage nach der Identität des Bildes. Zwar hat die Künstlerin
durch die Wahl des Bodens als Arbeitsfläche den Bereich des traditionellen Tafelbildes längst
verlassen. Dennoch taucht die Frage nach der Identität des Bildes in der gewählten Form der
Präsentation nochmals auf. Die Displacements als fremde Bilder, als Fremde unter den Tafelbildern?
So wie paradoxerweise das Titelbild in Folge der Sehgewohnheit als sinnstiftendes Moment für das
fremde Bild fungiert.
Displacement Standortfrage wechselt die Ebene. Die klassische Perspektive als symbolische Form
eines standortgebundenen Standpunktes musste der Standortlosigkeit Platz machen.
Standortlosigkeit
umschreibt den Verzicht auf den absoluten Brennpunkt. Der archimedische Punkt ist vielen Standorten
gewichen. Doch implizieren viele Standorte keinen Standort. Eine multiple Identität als
Nichtidentität? Der Gehalt des Bildes, die aus Schaumstoffschablonen nachgebildeten und auf die
Leinwand applizierten Tierhäute, stabilisieren im Balanceakt von fremd und vertraut diese
Ambivalenz zwischen allen möglichen Lesearten und einer einzigen Leseart.
Die Tierhaut ist «falsch», sie ist im künstlerischen Akt entstanden und als solche «echt».
Die Idee der Tierhaut repräsentiert sich in der Realität des Bildes, so wie sich das Bild selbst
durch die Idee der Trophäe als Beutestück charakterisiert. Als Kunst ist das Bild Gleichermassen
vertraut wie fremd. Ambivalenz heisst das Stichwort. Ambivalenz nicht im Verständnis des negativen
Etiketts, sondern als die einzige Möglichkeit, dem Geheimnis des Bildes auf die Spur zu kommen.
Was ist ein Bild von Cristina Fessler? Was ist ein fremdes Bild von Cristina Fessler? Oder:
Wie sieht die Malerei von Cristina Fessler aus? Kann eine Leinwand, die aus Schichten von Bitumen
und Sand besteht, noch als Malerei bezeichnet werden? Eine Malerei ohne Farben, eine Malerei
ohne Beschreibung. Schicht auf Schicht, träge fliessendes Bitumen; Materie, die sich selbst formt.
Der künstlerische Eingriff initiiert den Prozess, lenkt ihn jedoch nicht, verhält sich als
Katalysator. Die Oberfläche wird zur Unterfläche. Dazwischen entsteht eine Spannung. Zwei
Bildhäute berühren sich. Stellt die Berührung das Gesuchte dar? Berührt wird das
Unsagbare, das sich in den sinnlichen, erdgebundenen Materialien verbirgt. Nagaland?
Nagaland ist überall und nirgendwo. Es verkörpert als Symbol das Land, wo die Schlangen, die
Nagas leben. Sie stellten den Kontakt zum Geheimnis her. Das Geheimnis hat viele Gesichter und
keine Gesichter. Es ist fremd und vertraut. Das Schlangenhaupt der Medusa kann nur der Künstler
mit dem Schild der Kunst widerspiegeln. Die Reflexion ist eine List, sie dient im Mythos Perseus
dazu, Medusa zu enthaupten, ohne dabei zu sterben.
In einem zweiten Schritt setzt Cristina Fessler das Bild fest, sie reflektiert über der grossen
Leinwand, bevor sie das Bild ausschneidet; Wohlwissend, dass sie dabei die Einheit des Gewachsenen
zerstört. Das Schild von Perseus reflektiert das Haupt, gibt nur die Oberfläche wider. Und doch
repräsentiert die Oberfläche das Ganze. Die Plastiken von Cristina Fessler sind genaugenommen
dreidimensionale Hüllen. Sie ummanteln leeren Raum. Gestalten wiederum das Dazwischen, geben der
Berührung eine Form. Analog zum Spiegelbild, das rechts und links vertauscht, vertauschen die
Skulptur-Hüllen Innen und Aussen. Es gibt keine Schauseite mehr, nur noch das Innen. Das Innere
ist unfassbar; im selbem Masse, wie es seine Identität durch die Hülle erhält, verhüllt die Hülle
diese Identität und verleiht der Skulptur eine Nichtidentität. Nur so kann es viele davon geben.
Displacement als Leitthema des Werkes von Cristina Fessler? Wechsel der Ebene. DP-«Displaced
persons» hiessen die Vertriebenen, die Entwurzelten nach dem Zweiten Weltkrieg. Displaced persons
wurden zu Fremden. Der Künstler als der Fremde, der Vertriebene? Eine der vielen Theorien zum
Fremden unterscheidet zwischen den Polen Freund und Feind. In dieser Opposition versteht sich der
eine als der Spiegel des anderen. Voneinander abhängig, leben beide in der ymmetrie ihrer Beziehung.
Der Fremde ist derjenige, der von Aussen in dieses Verhältnis einbricht. Er ist unberechenbar,
da er zu keiner der beiden Gattungen zählt. Der Fremde wird so zum Träger des Geheimnisses an sich.
In unserer Gesellschaft haben immer mehr die Künstler diese Rolle des ihrer Sehnsucht nach dem
Geheimnis.
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