|
Othmar Eder
"Zeitzeichen"
von Kathleen Bühler, Kunstwissenschafterin
Vielfalt in der Zeit und das Zeichenhafte sind zwei wiederkehrende Motive im
aktuellen Schaffen des Künstlers Othmar Eder (geb. 1955). Realistische
Zeichnungen, übermalte Fotokopien, schwarztonige Holzschnitte, abstrakte
Farbfeldmalerei und bemalte Objekte formulieren - wie der Titel erklärt -
eine bestimmte Beziehung zur Zeit und fungieren als Zeichen.
Die Zeit wird auf verschiedene Weise in Othmar Eders Werk manifest. Zum
einen als Bezug zur Aktualität. Das zeigt die Installation aus geschwärzten
Druckstöcken (Holz, 30 Teile, 266 . 295 cm, 1999). Diese Arbeit ist während
dem Frühsommer in der Kartause Ittingen entstanden, einem Ort, den der
Künstler wegen seiner besonderen Stimmung und der dort möglichen
Konzentration in der Abgeschiedenheit immer wieder zum Arbeiten aufsucht.
Als Bildvorlage verwendete er Zeitungsfotografien, aktuelle, vergängliche,
für den Tagesgebrauch bestimmte Bilder, die lediglich der Illustration des
Zeitgeschehens dienen und sonst keine weiter Gültigkeit beanspruchen. Durch
die Umsetzung dieser Zeitungsbilder, die zum Teil vom Kosovo-Krieg aber auch
von ganz harmlosen Orten wie einem Konzert oder aus der Badeanstalt stammen,
in ein anderes Medium, werden sie aus ihrem Zusammenhang gelöst und in der
Installation durch die neue Anordnung über ihren tatsächlichen Inhalt
befragt. Die Schwarztonigkeit der Druckstöcke und die ins Holz gehauenen
Kerben machen eine verborgene Bedrohlichkeit sichtbar, bedenkt man, dass der
Künstler die Zeichnung auch hätte erhaben machen und den Bildhintergrund
hell gestalten können. Die Gewalt, die von den Abbildungen aus dem
Kosovo-Krieg ausgeht, greift auf die anderen Szenen über. Die Darstellungen
einer Bücherwand, eines tanzenden Paares und der Holzplanken in der
Badeanstalt wirken gleichermassen unheilvoll. Indem der Künstler die
Gleichzeitigkeit von tragischen und banalen Ereignissen aufzeigt, verweist
er auf die grausame Absurdität der Kriegsrealität. Denn während die
Einwohner Mitteleuropas ihren Freizeitbeschäftigungen nachgehen ((baden, ins
Konzert gehen, Tanzen und Setzlinge pflanzen) bringen sich in Südosteuropa
die Leute um .Die Nachbarschaft von Kriegs- und Freizeitbildern in der
Installation ist ein Hinweis darauf, dass nicht nur unzivilisierte Barbaren
Krieg führen, sondern, dass es dieselben Menschen sind wie wir, die zuvor
noch ebenso kultivierten Tätigkeiten nachgingen.
Zeitlichkeit in der Arbeitsweise
Auch die Arbeitsweise Othmar Eders entwickelte sich in zeitlichen
Dimensionen. Er gehört zu den Künstlern, die ihre Werke immer wieder
überarbeiten und selbst die fertigen Bilder ständig zu neuen Sinneinheiten
zusammenstellen.
Statt spontaner Geste und impulsiver, rasch hingeworfener Skizzenhaftigkeit
herrschen bei ihm genau beobachtete, sorgfältige Zeichnungen vor. Der
Prozess der Bildfindung und das unermüdliche Feilen an seiner Formulierung
erzeugt ausdrucksstarke, vielschichtige Werke. Denn es kommen nicht nur
Materialschichten dazu, sondern auch inhaltliche Ergänzungen, welche die
aktuelle Befindlichkeit des Künstlers und seiner Umgebung ins Bild
einfliessen lassen. So erfassen Othmar Eders Zeichnungen, Holzschnitte und
Malerei seismographisch Stimmungen und Erinnerungen. Dass der Künstler sich
in diesem Prozess nicht nur mit einer gültigen Version der Bildfindung
zufrieden gibt, zeigen die unterschiedlichen Varianten des gleichen Sujets,
z.B. das Motiv des Gewächshauses. Othmar Eder variiert es in verschiedenen
Ansichten und Techniken; als dokumentierende Farbfotografie, als
schwarz-weisse Zeichnung mit viereckigen Aussparungen oder als teilweise
übermalte Fotokopie.
Konservierung und Erinnerung
Das Schichtprinzip kehrt wieder in den monochromen Gemälden, die bis zu
siebzig Mal bemalt werden, so das die Farbhaut undurchdringlich dicht wird
und aus dem Innern geheimnisvoll schimmert. Othmar Eder mischt der Farbe
zusätzlich Asche bei, welche eine besondere Konsistenz und
Oberflächenstruktur erzeugt. Asche besitzt zudem starke symbolische Aspekte.
In fast jeder Kultur gilt sie als Zeichen der Vergänglichkeit und der
Hoffnung auf Wiederauferstehung. Der besondere fruchtbare Nährboden Asche
ist ein Zeichen für Metamorphose, wie der Phoenix-Mythos endrucksvoll
beweist. Einen besonderen Bezug zur Zeit verkörpern die Objekte am Boden. Es
sind Zeichen für verschiedene Lebensstationen Othmar Eders.; Teilweise sind
es Fundstücke von Reisen (Mastix-Siebe von Chios, Holz von der Alp und aus
der Kartause, zusammengerollte und verklebte Leinwände), die er bemalt und
damit konserviert. Es sind aber auch alltägliche Spuren, die der Künstler
durch die Bearbeitung der Vergänglichkeit entzieht. Etwa Staubsäcke vom
Staubsauger, die er verklebt und bemalt. Im Aufbewahren des persönlichen
Staubes und Dreckes - im wahrsten Wortsinn eine Arte povera - , betreibt
Othmar Eder private Archäologie des Alltags. Indem er die Spuren seines
täglichen Lebens konserviert, bereitet er sie für die nachträgliche
Erinnerungsarbeit auf. Erinnern ist eine Tätigkeit, die zur Abwehr des
Vergessens und der Vergänglichkeit dient und damit letztlich um den Tod
kreist. Die reine Konservierung allein enthebt ein Objekt allerdings noch
nicht dem Prozess des Verfalls. Das beweisen Historische Museen, die statt
ganzen Funktions- und Lebensbereichen nur Einzelobjekte in Vitrinen
ausstellen, die ihres Kontextes enthoben leblos und verloren wirken.
Dialog mit der Vergangenheit
Erinnerung bleibt nur dann lebendig und dient im besten Fall zur
Orientierung im gegenwärtigen Lebensabschnitt, wenn sie immer wieder mit
aktuellen Erlebnissen verknüpft wird. Dieses Wissen liegt Othmar Eders
Strategie zugrunde, seine Zeichnungstafeln, Malereien und Holzschnitte in
immer neuen Zusammenstellungen zu präsentieren. Auf diese Weise bringt er
Bilder vom Arbeitsaufenthalte auf der griechischen Insel Chios mit solchen
aus der Kartause in Berührung, er ermöglicht den Dialog zwischen Zeichnungen
aus seiner Heimat Tirol und Erlebnissen mit seiner Familie in der Schweiz,
er bringt die Reisen nach Paris und Madrid zurück in den häuslichen Alltag
und erhält sie durch diesen Kontakt lebendig. Die Strategie des
Zusammenbringens lässt sich bis in die dialogische Struktur der Gemälde
verfolgen, ihrer Komposition in und zwei und mehr Felder. Durch diese
Vorgehensweise entpuppt sich Othmar Eder als Dialog- und Sinnstifter. Indem
er die unterschiedlichen Erlebnisbereiche neu verknüpft, kann er auch seine
Wahrnehmung überprüfen. Erinnerung hat mit Wahrnehmung zu tun, die einem
steten Wandel unterworfen ist. Vielleicht ist das der Grund, weshalb der
Künstler auf dieselben Motive zurückgreift, sie wie ein Musiker "sampelt"
und aus verschiedenen Perspektiven zeigt.
Privat Kunst
Othmar Eders Kunst wurzelt im privaten Erleben. Viele Arbeiten besitzen
persönlichen Erinnerungswert. Dennoch gelingt es ihm, die Zeitzeichen auch
für die Betrachter zu öffnen und sprechen zu lassen, ohne die privaten
Inhalte der voyeuristischen Betrachtung preiszugeben. Gerade ihre
Vielschichtigkeit und Rätselhaftigkeit weckt Assoziationen und eigene
Erinnerungen im Betrachter und in der Betrachterin. Das zeigt die Arbeit mit
den aufgeschlagenen und bemalten Buchdeckeln (verschiedene Materialien,
mehrteilig, 1997-1999, 220 x 239 cm), die zu einer Bilderinsel ausgelegt
sind. Es sind visuelle Tagebücher, gezeichnete und gemalte Journaux intimes
und erinnern an ein Gedicht des Psychologen und Lyrikers Erich Fried: "Er
sagt/ Ich kann dich lesen wie ein offenes Buch / und er glaubt / dass er
jedes Buch das er liest / auch verstehen kann."
|
|