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Von Ursula Grashey, Konstanz, 15.6.1997
Mit der Einladung in die Kunsthalle Prisma in Arbon sah sich Ede Mayer vor
eine Aufgabe gestellt, die ihren künstlerischen Ideen sehr entsprach.
Sie wollte die nüchterne Industriearchitektur selbst zum Anlass und
Gegenstand ihrer Bilder machen. Es reizte sie, die Dimensionalität des
Industriebaus in gemalte Raumperspektiven umzusetzen. Räume im weitesten
Sinn bilden schon immer den Ausgangspunkt für ihre Malerei. Raum mit seinen
Grenzen, seiner Tiefe und Weit, seinen Durchblicken, Perspektiven,
Ausschnitten und architektonischen Bauelementen, all das wir in Ede Mayers
Bildern in Farbräume umgesetzt. Waren es in früheren Jahren barocke
Farbvisionen, Innenräume von italienischen Palazzi, so greift sie in letzter
Zeit mehr Industriebauten in ihrer Arbeit auf. Voraussetzung für die
Arbeiten in dieser Halle war es, sich mit den Gegebenheiten des Raumes
auseinander zusetzen, die Raumwirkung des langen, im Aufriss an eine
Basilika erinnernden Raumes zu studieren. Raumbestimmend: die mächtigen
Eisensäulen, die damit verbundenen Stahlträger, das lichtdurchlässige
Glasdach. Entstanden ist eine Bildinstallation. Das Konzept dieser
Installation besteht darin, die Bilder friesartig als fotlaufendes Band den
Hallenwänden entlang anzuordnen. Sie besitzen alle ein gemeinsames Merkmal,
sie sind alle gleich hoch, variieren nur in der Breite. Die Abstände
zwischen den Bildern sind bewusst nicht gleich. So entsteht ein
unregelmässiger Rhythmus, er erlaubt gewisse Sprünge in der Abfolge, erzeugt
dadurch Spannung sowohl zwischen den Bildern als auch in bezug auf den Raum
selbst.
Fiktive Räume neben den realen Räumen erzeugen eine Spannung in der
Bilderfolge.
Das Fiktive betrifft die Wahl der Farben. Die freie Umsetzung des Raumes
findet ihren Ausdruck in der Farbigkeit: zarte, lichte Räume treten neben
stark reduzierte Farbflächen. Die Farben werden zum Träger des
Atmosphärischen, der sinnlichen Erfassung von Raum. In lebendigen
lichtdurchfluteten Bildern, denen die Primärfarben rot-gelb-blau zugrunde
liegen, lässt uns Ede Mayer mit ihrer Imagination an ihren Fähigkeiten des
Sichtbarmachens teilhaben. So werden die Räume, die sie malt, tatsächlich zu
Farbräumen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen ihre transparenten
Farbschichtungen.
Das Rot erhält eine Sonderrolle. Diese kräftige nach vorne tretende Farbe
taucht in der Friesabfolge wie ein Leitmotiv immer wieder als monochrome
Farbfläche auf. Es korrespondiert mit dem Rostton der schweren Eisensäulen.
Insbesondere das schmale hohe Format stoppt oder führt den Blick weiter. Es
liesse sich auch, - zusammen mit dem schmalen Säulenmotiv - als Einleitung
zum Hauptthema, der Darstellung des Hallenraumes, verstehen. Der Musik
vergleichbar sind die Bilder Variationen zu einem Thema. Das Rot erscheint
auch in den Raumbildern selbst als abstrakte Fläche (Hintergrundsfläche) und
gibt den Rhythmus des Frieses an. Farben und Formen tragen zu dem
Gesamteindruck der Installation bei.
Die Bilder als eine Arbeit, als ein in sich zusammenhängendes Werk zu sehen,
stellt an die Betrachtenden gewisse Anforderungen. Bevor man an die Bilder
herantritt, um sie einzeln zu betrachten, bietet es sich bei einer
Installation an, die Bilder in ihrer Gesamtheit aus der Raummitte
wahrzunehmen, am besten im langsamen Vorübergehen bei der linken Längswand
beginnend. Die Bilder im Flur der Bewegung in sich aufzunehmen, die
Kompositionen in ihrer Verschiedenartigkeit wie einen Filmablauf
nachzuvollziehen, darin liegt der Besondere Reiz dieser Installation.
Aus der Vielfalt der Raumansichten - dem Serienprinzip folgend - stellen
sich dann beim Betrachter Korrespondenzen der Bilder untereinander her. Das
Moment der Ueberraschung tritt ein, immer wieder sind neue Blickwinkel oder
Fragmente zu entdecken. Verfremdet wirken zum Beispiel die Säulenabschnitte,
die über die gelbe, bzw. rote Farbfläche verteilt sind, ebenso wie der blaue
Kubus, der vom unteren Bildrand angeschnitten ist und sich in die rote
Fläche hineinzuschieben scheint. Dieser Kubus erscheint als Schlussakkord
auf der letzten Schmalseite beim Eingang nochmals. Zwischen diesen Arbeiten,
die an unterschiedlichen Stellen im Fries hängen, gibt es motivische
Korrespondenzen. Solche Anordnungen bringen Spannung in diese Konzeption.
Dazwischen fügen sich kleinere Formate ein, die eher erzählerisch wirken.
Der Typus des Bühnenbildes lässt sich im übertragenen Sinne als Vergleich
heranziehen. Wie, die Betrachtenden, im Raum uns bewegenden, agieren wie auf
der Bühne vor gemalten Farbräumen.
Diese Farbräume lösen nicht nur Stimmungen und Atmosphäre aus.
Rauminszenierungen sind auch Freiräume des Denkens. Es gibt bestimmbare,
wenn auch malerisch sublimierte Raumansichten, aber auch nicht genau
identifizierbare Räume und damit auch nicht festgelegte Dimensionen. Es sind
dies die eigentlichen Qualitäten, die ein Kunstwerk ausmachen.
Die Farbmalerei von Ede Mayer wird zur Energiequelle, zur Eröffnung anderer
Raum- Zeit- und Lichterfahrungen, als wir sie normalerweise haben.
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