Vernissageansprache von Dorothee Messmer
Die Entwicklung der
Fotografie ist geprägt von der Suche nach einer authentischen Wiedergabe
der Wirklichkeit. War der Fotoapparat zu Beginn des Jahrhunderts nur wenigen
Nutzern vorbehalten, so erlaubt der technische Fortschritt und die rasante
Entwicklung im Bereich der Neuen Medien uns heute die perfekte Fotografie für
jedermann und garantiert die genaue Abbildung der sichtbaren Wirklichkeit.
Denn trotz zahlreicher Beispiele manipulierter Erzeugnisse ist mit der
Fotografie noch immer die Erwartung einer authentischen Reproduktion der
Realität verbunden.
Die Kunstfotografie dagegen hat sich dieses Mediums schon längst in anderem
Sinne bedient. Sie verwendet den Fotoapparat als Instrument für die
Vermittlung von wirklichkeitsunabhängigen, eigenständigen Bildinhalten.
Dafür nimmt sie Verfremdungen und Fälschungen in Kauf. Künstler wie Cécile Wick, Adrian Schiess, Ingeborg Lüscher und Joachim Schwitzler
benutzen die technischen Mittel der Fotografie, um neue bildnerische Inhalte
zu schaffen. Statt eines genauen Abbildes treten Unschärfen, Verwischungen
und Abstraktionen zutage, wodurch eindeutige Raum Zeit-Grenzen aufgehoben
werden. So entsteht oft eine flüchtige Transparenz, die den Blick freigibt
auf das Verborgene.
Die Fotografien von Joachim Schwitzler spielen aber auch mit den Erwartungen der
Betrachter hinsichtlich der Authentizität und <Originalität des
Abbildes). Sie suggerieren, man befände sich selbst in Bewegung und die
Bilder strichen an einem vorüber, zu schnell für eine genaue Erfassung des
Bildausschnitts.
In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt. Alle Aufnahmen sind aus einer
variierten Standposition und Haltung der Kamera entstanden, und ein
Transportmittel stand nicht zur Verfügung. Die lokale Herkunft der Bilder
wird unwesentlich. Statt dessen agiert der Künstler bewusst mit der Unschärfe
und der dadurch entstehenden Auflösung der Farbfelder. Die Farben werden
zum weisenden Element in den Fotografien: sie vermischen sich und scheinen
ineinander überzufliessen; klare Umrisslinien verlieren an Kontur. Dafür
dient die Landschaft als ein spezifisches Reservoir an Farben, woraus
eigenständige und von einer zufälligen Wirklichkeit unabhängige
Bildkompositionen entstehen.
Im Vorgehen Joachim Schwitzlers scheint die Grenze zwischen der Fotografie und
der Malerei fliessend. So ist es durchaus angebracht, seine Fotografien als
Bilder im Sinne von Malerei zu bezeichnen; die Unschärfe wird dabei zu
seinem wichtigsten fotografischen Gestaltungsmittel. Bezüge zu anderen
(Malern) werden wach: zu den Nebelbildern Hodlers etwa, zu Giovanni
Giacometti oder zu Seurats Pointillismus. Statt dem Mangel an scharfer
Zeichnung steht man der malerischen Qualität des fotografischen Bildes
gegenüber.
Den Künstler selbst beschäftigen vor allem die Phänomene Geschwindigkeit und
Bewegung. Er meint dazu: "In meinen Fotografien werden sachliche
Zuordnungen des Geschauten weitläufig verunmöglicht. Statt der
fotografischen Authentizität eines scharfen -allerdings fraglichen
-Stillstandbildes gewinnt in ihnen eine gesteigerte Bewegungsunschärfe an
Bedeutung. Der Faktor Zeit erscheint zugleich simultan und linear. So
entsteht ein illusionärer Aspekt. Die Bilder spiegeln eine mutmassliche
Eigengeschwindigkeit vor und verdecken zunächst die Erkenntnis, dass die
Darstellung von Geschwindigkeit an sich trügerisch ist."
Das gestaltete Ausgangsmaterial, Landschaften im weitesten Sinne und eine
Bewegungsrichtung, die diese angeblich immanent durchläuft, wird verändert
und übertragen, und wir werden uns der Illusion der fotografischen
Wiedergabe bewusst. Und dennoch empfinden wir diese Illusion als ein
entferntes Abbild der Wirklichkeit.
So stellt Joachim Schwitzler an uns Fragen der Wahrnehmung von Wirklichkeit und
ihrer Kategorisierung. Gleiten wir an dem vorbei, was wir zu sehen glauben
-und: was sehen wir überhaupt? Ist der vermeintliche Himmel ein solcher
oder ein vorbeifahrender Lastwagen, oder hat der Fotograf das Bild am Ende
umgedreht und der Himmel ist der Bodensee oder eine Mauer oder... Insofern
spiegeln die Fotografien nicht zuletzt unsere Erwartungen und Sehweisen
wider.
In ihrer hochglanzlaminierten Oberfläche spiegeln sich aber auch die Heuballen
von Gilgi Guggenheim, die in weisse Silofolie gepackt sind. Diese knüpfen
einen völlig anderen Bezug zur Wirklichkeit. Aufgereiht wie die Glieder
einer Perlenkette präsentiert uns die Künstlerin jene grossen folien
verpackten Ballen, die im angestammten Umfeld auf den gemähten Wiesen die
Landstrassen und Autobahnen säumen. Gilgi Guggenheim hat die Ballen für
uns geputzt und poliert und an einer Schiene in der Mitte des Raumes aufgehängt.
So schweben sie nun, vermeintlich leicht, trotz ihres Gewichts von je 300 kg
und überraschend gross in dieser voluminösen Fabrikhalle. Prall und dick füllen
sie den Raum aus und laden zum Anfassen ein. Die sonst nur aus der Ferne
wahrgenommene und meist als Fremdkörper in der Landschaft erlebte
Verpackung aus weisser Silofolie erweist sich bei näherem Hinsehen als
fragil und filigran, und in ihrer Durchsichtigkeit und ihren Falten erinnert
sie uns an unsere eigene Haut. So werden die Heuballen von der Wiese zu
schwebenden, organischen und taktil erfahrbaren Gebilden.
Mit Hilfe der eigenen Körperkraft lässt sich nicht nur ein Heuballen, sondern
eine ganze Reihe bewegen und macht bewusst, dass man mit leichtem Druck vier
Tonnen Materie verschieben kann. Die taktile Erfahrbarkeit ist in dieser
Arbeit eminent. Sie stellt sich damit in eine Reihe mit den vorhergehenden künstlerischen
Arbeiten der jungen Künstlerin. Denn immer wieder agiert sie mit dem
sinnlich Erfahrbaren, erinnern wir uns an die Arbeit in der Galerie an der
Klostermauer (Lasagneblätter) oder an die Installation "St. Gallen liegt
am Meer" im Zusammenhang mit "Anstadt 98".
"Mein zentrales Interesse gilt den Relationen, Schnittstellen und Vibrierungen
zwischen inszenierter Natur, Kunstkontext und traditionellen
Imitationsvariationen. Es ist jedoch nicht meine Absicht, ein Statement im
Sinne einer Ikonenproduktion von Natur abzugeben), sagt die Künstlerin über
ihre Arbeit. Sie möchte durch symbolisierte Verweise taktile und ästhetische
Sinnesbilder auslösen. Also einen Raum inszenieren und bauen, wo der
Betrachter zum Protagonisten des von ihm betrachteten Bildes wird."
So spielt auch Gilgi Guggenheim mit unseren Sehweisen, Erwartungen und
Assoziationen. Die ihrem natürlichen Kontext entnommenen Heuballen mutieren
bei längerem Anschauen zu rätselhaften Körpern, sie sind bald Gefässe
einer geheimnisvollen Masse oder aufgehängte Kokons, die auf ihre
Entpuppung warten. Und sie bekommen etwas Morbides, als wären sie in ihrer
organischen Körperlichkeit vergänglich. Verbunden mit den mechanischen
Klanggeräuschen, die ihre Bewegungen an der Führungsschiene verursachen,
werden wir uns nicht nur der ursprünglichen Funktion des Raumes bewusst
-wir stehen ja hier in einem Fabrikraum -, sondern assoziieren noch weiter;
das bahngleisartige Rattern, das beim Verschieben der Ballen hörbar wird, lässt
an einen Güterzug denken. Während ihrerseits die wie Leiber herabhängenden
Heuballen in uns Bilder von Schweinehälften in einem Schlachthaus
wachzurufen vermögen.
Wir sehen hier die unterschiedlichen Ansätze zweier Künstler, deren Arbeiten für
sich alleine stehen. Beide Werke treffen unabhängig voneinander eigene
Aussagen und sind in einem jeweils eigenen Kontext integriert.
Und doch ist diesen beiden Kunstschaffenden etwas gelungen, was selten in einer
Doppelausstellung zu sehen ist. Skulptur und Fotografie treten in einen
Dialog. Beide haben die Landschaft zum Thema. Beide arbeiten mit deren
Verfremdung, durch Loslösung aus dem angestammten Kontext und durch die Veränderung
der Erscheinung. Beide widmen sich der Bewegung, sowohl der räumlich
erfahrbaren der hin und her schiebbaren Körper wie auch der vermeintlich
abgebildeten in den Fotografien. Beide -Skulptur und Fotografie zielen mit
ihrer Bewegungsrichtung jeweils in die Längsachse des Ausstellungsraumes
und scheinen ineinander überzugehen. Sie sind sich gegenseitig Zitat -und
gleichzeitig Ergänzung. Denn die sinnlich erfahrbaren, aber weissen Körper
korrespondieren mit der farbigen, aber nicht greifbaren Sinnlichkeit in den
Fotografien.
Und wir meinen, in der Nacht durchs Fenster eines Zuges zu schauen und zur Hälfte
das Licht im Innenraum und zur Hälfte das Licht im Aussenraum zu sehen. Und
es erscheint uns als zweideutiges Ineinander und Gegeneinander von Sein und
Schein, Wahrheit und Täuschung, Sinnlichkeit und Reflexion.
Wir stehen vor einem bildlich ausgedrückten Zwiegespräch zweier Künstler über
Landschaft, Bewegung, den Stillstand und die Zeit.
|