Ede Mayer

15. Juni bis 19. Juli 1997

Mit der Einladung in die Kunsthalle Prisma in Arbon sah sich Ede Mayer vor eine Aufgabe gestellt, die ihren künstlerischen Ideen sehr entsprach.

Sie wollte die nüchterne Industriearchitektur selbst zum Anlass und Gegenstand ihrer Bilder machen. Es reizte sie, die Dimensionalität des Industriebaus in gemalte Raumperspektiven umzusetzen. Räume im weitesten Sinn bilden schon immer den Ausgangspunkt für ihre Malerei. Raum mit seinen Grenzen, seiner Tiefe und Weit, seinen Durchblicken, Perspektiven, Ausschnitten und architektonischen Bauelementen, all das wir in Ede Mayers Bildern in Farbräume umgesetzt. Waren es in früheren Jahren barocke Farbvisionen, Innenräume von italienischen Palazzi, so greift sie in letzter Zeit mehr Industriebauten in ihrer Arbeit auf. Voraussetzung für die Arbeiten in dieser Halle war es, sich mit den Gegebenheiten des Raumes auseinander zusetzen, die Raumwirkung des langen, im Aufriss an eine Basilika erinnernden Raumes zu studieren. Raumbestimmend: die mächtigen Eisensäulen, die damit verbundenen Stahlträger, das lichtdurchlässige Glasdach. Entstanden ist eine Bildinstallation. Das Konzept dieser Installation besteht darin, die Bilder friesartig als fotlaufendes Band den Hallenwänden entlang anzuordnen. Sie besitzen alle ein gemeinsames Merkmal, sie sind alle gleich hoch, variieren nur in der Breite. Die Abstände zwischen den Bildern sind bewusst nicht gleich. So entsteht ein unregelmässiger Rhythmus, er erlaubt gewisse Sprünge in der Abfolge, erzeugt dadurch Spannung sowohl zwischen den Bildern als auch in bezug auf den Raum selbst.

Fiktive Räume neben den realen Räumen erzeugen eine Spannung in der Bilderfolge.

Das Fiktive betrifft die Wahl der Farben. Die freie Umsetzung des Raumes findet ihren Ausdruck in der Farbigkeit: zarte, lichte Räume treten neben stark reduzierte Farbflächen. Die Farben werden zum Träger des Atmosphärischen, der sinnlichen Erfassung von Raum. In lebendigen lichtdurchfluteten Bildern, denen die Primärfarben rot-gelb-blau zugrunde liegen, lässt uns Ede Mayer mit ihrer Imagination an ihren Fähigkeiten des Sichtbarmachens teilhaben. So werden die Räume, die sie malt, tatsächlich zu Farbräumen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen ihre transparenten Farbschichtungen.

Das Rot erhält eine Sonderrolle. Diese kräftige nach vorne tretende Farbe taucht in der Friesabfolge wie ein Leitmotiv immer wieder als monochrome Farbfläche auf. Es korrespondiert mit dem Rostton der schweren Eisensäulen. Insbesondere das schmale hohe Format stoppt oder führt den Blick weiter. Es liesse sich auch, – zusammen mit dem schmalen Säulenmotiv – als Einleitung zum Hauptthema, der Darstellung des Hallenraumes, verstehen. Der Musik vergleichbar sind die Bilder Variationen zu einem Thema. Das Rot erscheint auch in den Raumbildern selbst als abstrakte Fläche (Hintergrundsfläche) und gibt den Rhythmus des Frieses an. Farben und Formen tragen zu dem Gesamteindruck der Installation bei.

Die Bilder als eine Arbeit, als ein in sich zusammenhängendes Werk zu sehen, stellt an die Betrachtenden gewisse Anforderungen. Bevor man an die Bilder herantritt, um sie einzeln zu betrachten, bietet es sich bei einer Installation an, die Bilder in ihrer Gesamtheit aus der Raummitte wahrzunehmen, am besten im langsamen Vorübergehen bei der linken Längswand beginnend. Die Bilder im Flur der Bewegung in sich aufzunehmen, die Kompositionen in ihrer Verschiedenartigkeit wie einen Filmablauf nachzuvollziehen, darin liegt der Besondere Reiz dieser Installation.

Aus der Vielfalt der Raumansichten – dem Serienprinzip folgend – stellen sich dann beim Betrachter Korrespondenzen der Bilder untereinander her. Das Moment der Ueberraschung tritt ein, immer wieder sind neue Blickwinkel oder Fragmente zu entdecken. Verfremdet wirken zum Beispiel die Säulenabschnitte, die über die gelbe, bzw. rote Farbfläche verteilt sind, ebenso wie der blaue Kubus, der vom unteren Bildrand angeschnitten ist und sich in die rote Fläche hineinzuschieben scheint. Dieser Kubus erscheint als Schlussakkord auf der letzten Schmalseite beim Eingang nochmals. Zwischen diesen Arbeiten, die an unterschiedlichen Stellen im Fries hängen, gibt es motivische Korrespondenzen. Solche Anordnungen bringen Spannung in diese Konzeption. Dazwischen fügen sich kleinere Formate ein, die eher erzählerisch wirken.

Der Typus des Bühnenbildes lässt sich im übertragenen Sinne als Vergleich heranziehen. Wie, die Betrachtenden, im Raum uns bewegenden, agieren wie auf der Bühne vor gemalten Farbräumen.

Diese Farbräume lösen nicht nur Stimmungen und Atmosphäre aus. Rauminszenierungen sind auch Freiräume des Denkens. Es gibt bestimmbare, wenn auch malerisch sublimierte Raumansichten, aber auch nicht genau identifizierbare Räume und damit auch nicht festgelegte Dimensionen. Es sind dies die eigentlichen Qualitäten, die ein Kunstwerk ausmachen.

Die Farbmalerei von Ede Mayer wird zur Energiequelle, zur Eröffnung anderer Raum- Zeit- und Lichterfahrungen, als wir sie normalerweise haben.

Ursula Grashey, Konstanz, 15.6.1997

Öffnungszeiten
Fr 17 – 19 Uhr
Sa/So 13 – 17 Uhr

Kunsthalle Arbon
Grabenstrasse 6
Postfach 160
CH-9320 Arbon