Cristina Fessler

Displacements

21. April bis 25. Mai 1996

Bilder, Objekte

Von Identität und Nichtidentität

Gedanken zum Werk von Cristina Fessler

Von Laura Arici

Wenn Cristina Fessler in den Displacements ihre Leinwände gleich Tierhäuten aufspannt und so eine Verlagerung von der horizontalen Lage in die vertikale vornimmt, stellt sie unmissverständlich die Frage nach der Identität des Bildes. Zwar hat die Künstlerin durch die Wahl des Bodens als Arbeitsfläche den Bereich des traditionellen Tafelbildes längst verlassen. Dennoch taucht die Frage nach der Identität des Bildes in der gewählten Form der Präsentation nochmals auf. Die Displacements als fremde Bilder, als Fremde unter den Tafelbildern? So wie paradoxerweise das Titelbild in Folge der Sehgewohnheit als sinnstiftendes Moment für das fremde Bild fungiert.

Displacement Standortfrage wechselt die Ebene. Die klassische Perspektive als symbolische Form eines standortgebundenen Standpunktes musste der Standortlosigkeit Platz machen. Standortlosigkeit um­schreibt den Verzicht auf den absoluten Brennpunkt. Der archimedische Punkt ist vielen Standorten gewichen. Doch implizieren viele Standorte keinen Standort. Eine multiple Identität als Nichtidentität? Der Gehalt des Bildes, die aus Schaumstoffschablonen nachgebildeten und auf die Leinwand ap­plizierten Tierhäute, stabilisieren im Balanceakt von fremd und vertraut diese Ambivalenz zwischen allen möglichen Lesearten und einer einzigen Leseart.

Die Tierhaut ist «falsch», sie ist im künstlerischen Akt entstanden und als solche «echt». Die Idee der Tierhaut repräsentiert sich in der Realität des Bildes, so wie sich das Bild selbst durch die Idee der Trophäe als Beutestück charakterisiert. Als Kunst ist das Bild Gleichermassen vertraut wie fremd. Ambivalenz heisst das Stichwort. Ambivalenz nicht im Verständnis des negativen Etiketts, sondern als die einzige Möglichkeit, dem Geheimnis des Bildes auf die Spur zu kommen.

Was ist ein Bild von Cristina Fessler? Was ist ein fremdes Bild von Cristina Fessler? Oder: Wie sieht die Malerei von Cristina Fessler aus? Kann eine Leinwand, die aus Schichten von Bitumen und Sand besteht, noch als Malerei bezeichnet werden? Eine Malerei ohne Farben, eine Malerei ohne Beschreibung. Schicht auf Schicht, träge fliessendes Bitumen; Materie, die sich selbst formt. Der künstlerische Eingriff initiiert den Prozess, lenkt ihn jedoch nicht, verhält sich als Katalysator. Die Oberfläche wird zur Unterfläche. Dazwischen entsteht eine Spannung. Zwei Bildhäute berühren sich. Stellt die Berührung das Gesuchte dar? Berührt wird das Unsagbare, das sich in den sinnlichen, erdgebundenen Materialien verbirgt. Nagaland?

Nagaland ist überall und nirgendwo. Es verkörpert als Symbol das Land, wo die Schlangen, die Nagas leben. Sie stellten den Kontakt zum Geheimnis her. Das Geheimnis hat viele Gesichter und keine Gesichter. Es ist fremd und vertraut. Das Schlangenhaupt der Medusa kann nur der Künstler mit dem Schild der Kunst widerspiegeln. Die Reflexion ist eine List, sie dient im Mythos Perseus dazu, Medusa zu enthaupten, ohne dabei zu sterben.

In einem zweiten Schritt setzt Cristina Fessler das Bild fest, sie reflektiert über der grossen Leinwand, bevor sie das Bild ausschneidet; Wohlwissend, dass sie dabei die Einheit des Gewachsenen zerstört. Das Schild von Perseus reflektiert das Haupt, gibt nur die Oberfläche wider. Und doch repräsentiert die Oberfläche das Ganze. Die Plastiken von Cristina Fessler sind genaugenommen dreidimensionale Hüllen. Sie ummanteln leeren Raum. Gestalten wiederum das Dazwischen, geben der Berührung eine Form. Analog zum Spiegelbild, das rechts und links vertauscht, vertauschen die Skulptur-Hüllen Innen und Aussen. Es gibt keine Schauseite mehr, nur noch das Innen. Das Innere ist unfassbar; im selbem Masse, wie es seine Identität durch die Hülle erhält, verhüllt die Hülle diese Identität und verleiht der Skulptur eine Nichtidentität. Nur so kann es viele davon geben.

Displacement als Leitthema des Werkes von Cristina Fessler? Wechsel der Ebene. DP-«Displaced persons» hiessen die Vertriebenen, die Entwurzelten nach dem Zweiten Weltkrieg. Displaced persons wurden zu Fremden. Der Künstler als der Fremde, der Vertriebene? Eine der vielen Theorien zum Fremden unterscheidet zwischen den Polen Freund und Feind. In dieser Opposition versteht sich der ei­ne als der Spiegel des anderen. Voneinander abhängig, leben beide in der ymmetrie ihrer Beziehung. Der Fremde ist derjenige, der von Aussen in dieses Verhältnis einbricht. Er ist unberechenbar, da er zu keiner der beiden Gattungen zählt. Der Fremde wird so zum Träger des Geheimnisses an sich. In unserer Gesellschaft haben immer mehr die Künstler diese Rolle des ihrer Sehnsucht nach dem Geheimnis.

Zur Ausstellung erschien eine Publikation

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